Er hat eine gute Stimme!???

Er hat eine gute Stimme!???

Gute Stimme = Guter Sänger?

Das Thema soll heute ein Ausspruch sein, den man im Zusammenhang mit der Beurteilung von Sängern sehr oft hört: „Der hat eine gute Stimme!“ Was soll das überhaupt heißen?

Wann hat jemand eine gute Stimme? Wenn sie besonders hoch ist? Oder besonders tief? Besonders laut oder besonders sanft? Wenn sie Rau klingt oder sauber? Wie du siehst – diese Frage führt zu nichts!

Man könnte genauso gut sagen: „Er hat gute Haare!“ Ja wie jetzt? Schöne Locken? Oder schön glatt? Schön Schwarz? Oder schön blond? Schön blöd!

Was ist Singen doch noch gleich?

Wenn man sich vor Augen führt, was Singen eigentlich ist, dann stellt man fest, dass es aus mindestens drei verschiedenen Faktoren besteht. Ich sage ja immer: „Singen ist sprechend Musik machen mit der Stimme“. Zusammen mit dem schauspielerischen Ausdruck haben wir also noch drei weitere Faktoren neben der Stimme.

In den meisten Fällen wollen die Leute eigentlich nur sagen, dass ihnen der Sänger gefällt, wenn sie sagen: „Er hat eine gute Stimme!“

Qualitäts-Auszeichnung für festgefahrene Ansichten?

Es kann auch gemeint sein, dass die Stimme nach Meinung des Zuhörers gut zum jeweiligen Musikstil, bzw. der jeweiligen Rolle passt!

In der Klassik und in der Oper gibt es sehr festgefahrene Ansichten darüber, wie eine Stimme in einem bestimmten Stimmfach zu klingen hat, insbesondere wie der Interpret einer bestimmten Rolle zu klingen hat.

Da heißt es dann: „Der wäre der perfekte Florestan“. Oder: „Der müsste Escamillo singen!“

Der Vergleich mit allen Sängern aus allen Zeiten

Da in Klassik und Oper jeder Sänger einer von tausenden ist, der eine bestimmte Rolle wiederum schon tausend mal gesungen hat, muss er sich zahlreichen Vergleichen mit anderen Sängern unterziehen.

Diese Situation wird durch Tonaufzeichnungen noch erschwert. Tonaufzeichnungen ermöglichen den Vergleich zwischen allen Sängern aus allen Zeiten.

Fast jeder Mensch hat heute Pavarotti im Ohr und vergleicht automatisch jeden Tenor mit ihm. Nicht besser geht es den Bässen mit Nicolai Ghiaurov.

Mindestens eine Million Elvis-Imitatoren haben sich schon darin versucht, dem Original so nahe wie möglich zu kommen, ohne zu erkennen, dass Fälschung immer Fälschung bleibt, egal wie gut sie ist, doch das ist ein anderes Thema.

Also nochmal: Gute Stimme = Guter Sänger?

Von mir ein ganz klares „Nein“! Ich kenne dutzende von Leuten mit super guten Stimmen, die niemals singen lernen werden, weil sie super unmusikalisch und überhaupt super untalentiert sind.

Ich kenne dutzende von Leuten mit ausgesprochenen Sch…-Stimmen, die einfach geil singen, weil sie so viel Feeling und Musikalität besitzen, dass man am liebsten sofort los heulen möchte wie Nachbar´s Lumpi.

Fazit

„Der hat eine gute Stimme“ sagt ungefähr soviel aus wie „also“, äh“ oder „sag ich mal“.

Wenn Dir also ein Sänger besonders gut gefällt, dann frag Dich, warum. Das ist für Dich DIE Gelegenheit, etwas daraus zu lernen. Ich wette mit Dir: Wenn es gut klingt, dann eigentlich immer nur aus einem Grund, egal in welcher Musik-Richtung wir uns bewegen: Der oder Diejenige singt mit Musikalität und Leidenschaft.

Es bleibt also dabei: Sing with passion! 😉

By | 2017-09-08T05:20:08+00:00 September 25th, 2015|Artikel und Videos, Podcast, Singen - Stimme, Musik & Phrasierung|4 Comments

About the Author:

  • Birgit Pohl

    Na ja, wenn Musikalität, Leidenschaft für die Musik und das Singen UND eine Stimme, die die Menschen berührt und erreicht, zusammenkommen, ist es doch auch nicht verkehrt, oder?

  • Franz Titscher

    Guter Beitrag! Räumt mit einem alten Klischee auf.

    Für mich gibt es allerdings schon so etwas wie eine „gute Stimme“. Es ist eine natürliche und vor allem gesunde Stimme. Kaputt gesungene Stimmen (Sängerknötchen) fallen da raus, auch wenn sie noch so schön und ausdrucksstark klingen.

    Der ideale Sänger (Klang und Ausdruck) war für mich Fritz Wunderlich. Weißt du, ob seine Stimme in Ordnung, bzw. gesund war? Würde mich interessieren.

    • Danke Franz! Fritz Wunderlich war ein erstklassiger lyrischer Tenor, der leider schon 1966 mit 36 Jahren an den Folgen eines Treppensturzes gestorben ist (für die, die das noch nicht wissen).

      Seine Stimme war natürlich sehr gut im Hinblick auf seinen perfekten Umgang damit und die daraus resultierende Stimmgesundheit.

      Außerdem war er ein hochmusikalischer Interpret.

      Aber Leute, deren Geschmack nach lauten, gewaltigen Tönen verlangt, würden die Stimme nicht als extrem „gut“ ansehen, weil Fritz Wunderlich eben einfach nur schön sang, aber kein besonders großes Stimmvolumen besaß und außerdem sehr hell, typisch tenoral klang.

      Klar konnte er schmettern und hatte das hohe C mit Leichtigkeit, aber wenn man z.B. Jonas Kaufmann daneben hört, ist das einfach eine andere „Gewichtsklasse“.

      Um es noch einmal klar zu stellen: „Gute Stimme“ sagt nichts aus. Der Gesang von Fritz Wunderlich war vor allem Musikalität, Intelligenz, Sprache und Phrasierung und das mit einer lyrischen Tenor-Stimme als Instrument .