Ich höre alles

Ich höre alles

Einbildung ist auch eine Bildung

Menschen, die für sich erkannt haben oder erkannt zu haben glauben, dass sie musikalisch sind, behaupten oft: „Ich höre alles!“

Die Überzeugung, die hinter dieser Aussage steckt, hat aber mit der Realität oftmals wenig zu tun und ist außerdem gefährlich.

Einbildung ist der Todfeind gesunder Selbstkritik

Jemand, der zu sehr von sich überzeugt ist, ist in der Regel nicht zu gesunder Selbstkritik fähig.

Es ist beispielsweise sehr schwierig, einem solchen Menschen klarzumachen, dass er ungenau intoniert, weil er ja der Überzeugung ist, dass er musikalisch ist, alles hört und infolgedessen gar nicht falsch singen kann.

Mehr als einmal hatte ich solche „Alles-Hörer“ im Studio und es hat sich gezeigt, dass die Kombination aus Einbildung und Manko dazu geführt hat, dass es nicht möglich war, mit diesen Leuten eine vernünftige Aufnahme zu erstellen.

Wie kommt es zu dieser Fehl-Einschätzung?

Wie kann es also zu einer solch fatalen Selbst-Fehl-Einschätzung kommen?

Wie ganz allgemein im Leben gilt: Je weniger man weiß, umso weniger weiß man, was man nicht weiß. Und so verwundert es nicht, dass die „Alles-Hörer“ vor allem in den Reihen musikalischer Laien zu finden sind.

Inmitten eines unmusikalischen Umfeldes sind die „Alles-Hörer“ die Einäugigen unter Blinden.

Aber Leute, die in dieser Einbildung fest stecken, sind praktisch nicht in der Lage, konstruktiv an sich selbst arbeiten zu können.

Wie sollte auch jemand sein Ohr für neue Dinge öffnen können, wenn er doch glaubt, dass er bereits alles hört?

Bedingt durch die Einzigartigkeit JEDES Menschen, hat natürlich jeder auch eine andere Wahrnehmung der Dinge. Der „Alleshörer“ folgert hieraus fälschlicherweise, dass seine andere Wahrnehmung etwas Besonderes ist.

Ohne Selbstkritik kein Fortschritt!

Der einzige Weg, richtig zu intonieren, rhythmisch korrekt zu phrasieren und ganz allgemein seinen Gesang immer weiter zu verbessern ist, die Ohren offen zu halten und das, was man hört, kritisch zu hinterfragen.

Sobald man sich seiner Sache zu sicher ist, endet der Fortschritt. Und so kommt es dann, dass auch Sänger mit jahrzehntelanger Erfahrung katastrophale Ausfälle haben, die sich mit gutem Gesang noch nicht einmal annähernd vereinbaren lassen.

Hi-End = „Hi-Ear“?

Auch im High-End Bereich tummeln sich zahlreiche Freaks, die behaupten, alle möglichen Dinge zu hören, die aber einem blind-Test niemals standhalten würden.

Da „klingen“ plötzlich Kabel oder Stecker und die Stereoanlage für 20.000 € ist selbstverständlich besser als die für 2000. Muss sie ja sein, weil sie so viel kostet.

Ich habe zahlreiche solcher Tests unter optimalen Bedingungen gemacht und festgestellt, dass das Humbug ist. So mancher Lautsprecher für ein paar hundert Euro klingt genauso gut wie der 10x teurere. Das Selbe gilt für Mikrofone.

Fazit

Wenn du singen lernen willst, dann bleibt bescheiden und offen für alles und ziehe ruhig einmal in Erwägung, dass du auch mal etwas nicht richtig hören könntest.

Nur solange du offen bist und offen bleibst, können auch neue Dinge in dich eindringen und weiter bringen. Ein Anfänger, der schon alles hört, wird immer ein Anfänger bleiben!

By | 2017-09-08T05:24:53+00:00 August 21st, 2015|Artikel und Videos, Podcast, Singen - Stimme, Musik & Phrasierung|0 Comments

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