Kann jeder singen lernen?

Kann jeder singen lernen?

Was heißt hier „Talent“?

So mancher Gesangslehrer verkündet froh, dass jeder Mensch singen lernen kann. Meiner Meinung nach kann so etwas nur behaupten, wer absolut keine Ahnung hat oder sich Geld von denjenigen verspricht, die das glauben.

Die Wahrheit ist: Es gibt Menschen, die Legastheniker sind, es gibt Menschen, die Dyskalkulie haben und es gibt Menschen, die nicht singen lernen können, z.B. weil sie Tonhöhen nicht korrekt wiedergeben können. Sie haben dafür eben kein Talent.

Mein Freund, der es trotzdem versuchte

Ich hatte einen Freund, der das nicht wahr haben wollte. Ein genialer Handwerker und Ingenieur übrigens – hat schon mit 11 Jahren Motorräder gebaut und inzwischen einige Patente für verschiedene technische Geräte angemeldet.

Es gab aber eine Phase, da wollte er auch Sänger werden. Das Problem wie bei vielen anderen: Er konnte keinen einzigen Ton richtig nachsingen. Er führte das auf fehlende frühkindliche Förderung zurück und wollte nun alles nachholen.

Stückweise ist es ihm tatsächlich gelungen: Manchmal traf er einen Ton! Aber auch nach etwa 3-jährigem, regelmässigen Gesangsunterricht blieb es bei diesem „manchmal“. (Er war übrigens auch Legastheniker.)

Man kann nicht sagen, dass er gänzlich unmusikalisch war: Er hatte ein sehr gutes Rhythmus-Gefühl und war ein recht passabler Schlagzeuger. Aber zum Singen reicht das eben nicht.

Mangelnde Musikalität ist einer der Gründe, warum manche Leute nie singen lernen.

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Welche Art von Talent?

Ich sage ja immer „singen ist sprechend Musik machen mit der Stimme“. Man braucht also 3 Arten von Talent: Sprechen, Musikalität und Stimme. Davon habe ich schon im Zusammenhang mit dem Wesen des Singens gesprochen.

Talent zum Sprechen

Das Talent zum Sprechen geht dabei in schauspielerische Richtung, aber auch in Richtung ästhetische sprachliche Gestaltung.

Musikalität

Musikalität unterteilt sich in melodisches und rhythmisches Talent. Melodisches Talent bezieht sich auf das Treffen von Tönen, rhythmisches Talent auf das exakte Einhalten des Rhythmus, also das Erfühlen von gleichmäßigen zeitlichen Abständen.

Stimmliches Talent

Stimmliches Talent schließlich würde ich unterteilen in die grundsätzliche Fähigkeit, seiner Stimmgebung eine gewisse Ästhetik zu verleihen, die jenseits von Geknödel, Genäsel, Gequetsche oder „Gewürge“ liegt und die weiter führende Fähigkeit, die Stimme ökonomisch und sicher über den gesamten Umfang und die gesamte Dynamik einzusetzen.

Ein Popsänger braucht vor allem die erste Komponente, ein Opernsänger, der Karriere machen will, vor allem die Zweite. Denn wenn man in bequemer Lage wohlklingend singen kann, heißt das noch lange nicht, dass man über eine aufgeschlossene Singstimme verfügt. Ich selbst konnte ersteres von Anfang an, für letzteres habe ich mehr als 20 Jahre gebraucht.

Gerade in der Oper findet man überragende Talente, die phantastisch voluminöse, voll aufgeschlossene Stimmen haben, denen es aber nicht unbedingt gegeben ist, ein einfaches Lied in bequemer Lage wohlklingend zu singen.

Tolle Sänger auch „ohne Stimme“

Und es gibt im Pop tolle Sänger „ohne Stimme“, die man ohne Verstärker schon aus einem Abstand von 2 Metern nicht mehr hört. Das ist aber egal, wie ich finde, weil „laut“ allein keine Kunst ist und das Volumen im Studio und/ oder mit Mikrofon ohnehin keine Rolle mehr spielt.

Es ist auch kompletter Unfug, solchen Sängern vorzuwerfen, dass sie nur im Studio singen können, nur weil sie nicht laut sind. Die „Live-Situation“, in der solcher Gesang auch ohne Verstärker wirkt, ist das Singen von Mensch zu Mensch in einem kleinen Raum, z.B. bei einem Gute-Nacht-Lied von der Mutter für´s Kind.

Fazit

Die Antwort auf die Frage „kann jeder singen lernen?“, beantworte ich eindeutig mit „Nein“. Im Einzelfall kann man diese Frage aber oft erst nach mehreren Jahren beantworten, es sei denn, jemand findet wirklich grundsätzlich keinen Ton, den man ihm vorsingt oder vorspielt.

Ansonsten müssen alle Talente, die man zum Singen braucht, betrachtet werden und auch das sängerische Ziel müsste man dabei im Blick haben. Bei einem Opernsänger sind die Anforderungen etwas anders als bei einem Pop-, Rock-, Jazz- oder Musical-Sänger.

Wie auch immer: Nein! Nicht jeder kann singen lernen!

Artikel-VÖ: 13.2.2015, 17:20

Kannst Du singen lernen?

Wenn Du noch unerfahren bist, kann es möglicherweise ziemlich lange dauern, bis Du Dir diese Frage sicher selbst beantworten kannst. Wenn Du Dir diese Zeit sparen willst, schick mir einen Link zu einer Aufnahme von Dir (bitte wirklich nur als Link und keine Audio-Dateien per Email)! Ich werde Dir meine ehrliche Meinung sagen.

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By | 2017-05-31T22:14:54+00:00 März 10th, 2015|Artikel und Videos, Podcast, Singen - Stimme, Musik & Phrasierung|7 Comments

About the Author:

  • Harald Simon

    Der Absatz „Gerade in der Oper findet man überragende Talente, die phantastisch
    voluminöse, voll aufgeschlossene Stimmen haben, denen es aber nicht
    unbedingt gegeben ist, ein einfaches Lied in bequemer Lage wohlklingend
    zu singen.“ ist ein mangelhaftes Pauschalurteil des Autors. Es gibt sehr wohl ausreichende Beweise von klassischen Sängern, die alles „liedhaft“ Geschriebene notfalls auch schlank und nuancenreich interpretieren können. Ich meine damit die „richtigen“ Sänger, nicht wie z.Bsp. bei den Herren jene Knödeltenöre, die sich in einschlägigen kommerziellen Kampagnen eines Plattenlabels gerade künstlerisch verheizen lassen und damit durch die Lande ziehen.
    Natürlich tun sich klassische Sänger beim typischen Kreisch- und Schrei-„Gesang“ so mancher aktueller „Popstars“ sehr schwer, weil es eben nicht ihr Fach ist. Andererseits muss man sich auch die Frage stellen, warum die durchschnittliche Karrieredauer eines heutigen Popstars nur 5-7 Jahre beträgt, während beim Opernsänger in Jahrzehnten gerechnet wird.

    Jene zwei Absätze zum Thema „Sänger ohne Stimme“ sind gelinde gesagt schlichtweg fahrlässig. Genau dieser Mentalität haben wir heutzutage die vielen unsäglichen Duschkabinen/Badewannen- und Playback-Sänger in der Unterhaltungsbranche zu verdanken, die verglichen mit ihrer CD-Aufnahme beim Live-Auftritt in der Qualität derartig abstürzen. Der Beruf des Sängers beschränkt sich trotz aller etwaigen Spezialisierung eben nicht nur auf das Tonstudio. Und Live-Auftritte finden eben nicht bloß in einem Wohnzimmer statt, wenn es um eine tatsächliche berufliche Ausübung geht. Also man sollte sehr wohl in Sachen Ausdruck, Intensität und Lautstärke von einem Ort auf den anderen umschalten können. Mit der Intimität eines Tonstudios ist man in einem Saal schnell verloren. Und laut zu sein muss gelernt sein, sonst ist schnell Endstation beim HNO-Arzt. Obendrein sollte man sich nicht blindlings aufs Mikrofon verlassen; eine ausgefallene Tonanlage ist beim zahlenden Zuschauer kein Entschuldigungsgrund, notfalls muss es auch so gehen – im beruflichen Alltag alles schon einmal da gewesen. Fazit: Singen als Beruf ist ein Hochleistungssport.

    • Danke für den Kommentar, Harald Simon!

      Ein „mangelhaftes Pauschalurteil“ wäre es, wenn ich behauptet hätte, dass alle Opernsänger so sind. Dies ist aber mitnichten der Fall und ich habe es auch nicht behauptet. Dass es diese Fälle aber gibt und das gar nicht mal so selten, lässt sich anhand zahlreicher Aufnahmen beweisen.
      Das werde ich aber nicht tun, da ich niemanden persönlich angreifen möchte!

      Dass Singen als Beruf ein Hochleistungssport ist, mag stimmen. Allerdings hängt es vom Sänger selbst ab, ob er singt wie ein Marathon-Läufer oder wie ein Sprinter, der trotzdem noch die Marathon-Strecke laufen muss. Sänger, die wirklich wissen, was sie tun, werden den Beruf eher als Spaziergang empfinden. Die Hochleistungssportler singen meist nicht länger als 10 Jahre.

  • Kati

    Auch wenn einer kein Talent hat und Sänger/in werden möchte dann braucht man halt mehr Fleiß als nuuur talent weil auch die kein Talent haben können Sänger/in werden.

    • Leider nein! Ohne Talent geht gar nichts, mit wenig Talent wird es sehr, sehr schwer. Womit Du das wahrscheinlich verwechselst: Ohne Fleiß wird man es nicht schaffen, auch wenn man noch so viel Talent hat. Talent alleine reicht nicht!

  • Marvin Blumöhr

    Hey Matthias du sagst, das man nur mit Talent gut singen kann ich denke wir sind uns einig, dass ed sheeran einer der besten Sänger ist doch er sagt selber er wurde auf keinen Fall mit diesem Talent geboren! http://www.104.6rtl.com/programm/arno-und-die-morgencrew/aus-der-sendung/ed-sheeran-konnte-frueher-richtig-schlecht-singen Dies ist eine Sendung in der er beweist das er früher grottig gesungen hat und ich meine wirklich grottig. Da kann man nicht von Talent sprechen wie kann es also sein, dass er jetzt so ein guter Sänger ist und das ohne angeborenes Talent?

    • Hi Marvin, guter Beitrag, danke – aber kein Widerspruch zu meinen Ausführungen! Ich kann Dir von mir selbst viel schlimmere Aufnahmen vorspielen, aber darum geht es nicht. Wenn Du Dir die Aufnahmen (leider viel zu kurz und im allgemeinen Gegröle untergegangen) nochmal genau anhörst, wirst Du feststellen, dass der jeweils untere Ton perfekt getroffen und nur der obere zwar schief, aber nicht völlig falsch war. Wir hören also die Aufnahme eines grundsätzlich Begabten, aber eben noch völlig Ungeübten.
      Im Gegensatz dazu trifft der Unbegabte, der nach meiner Erfahrung eben niemals gut singen lernen wird, nur rein zufällig mal einen Ton und meistens grundsätzlich nicht.

      • Marvin Blumöhr

        Ja ok da stimme ich dir zu wenn man halt wirklich garkeinen Ton trifft und von Natur aus unmusikalisch ist dann wird man wohl auch nie singen können. Ich werde dir in den nächsten Tagen mal eine Aufnahme machen ich würde gerne wissen ob ich singen kann oder zumindest es lernen könnte. Ich fahre heute ausm Urlaub zurück wenn ich Zuhause bin mache ich mal eine Aufnahme und würde mich über eine ehrliche Kritik freuen auch wenns komplett scheiße ist xD