Brüllen oder lieber knödeln?

Beim Singen Lernen gibt es zahlreiche Missverständnisse und scheinbare Widersprüche. Ich selbst spreche ja immer davon, dass Singen “sprechend Musik machen mit der Stimme” ist und dass die meisten Sänger – insbesondere Opernsänger, die ja ohne Mikro singen müssen – den Fehler machen, “zu viel, zu hoch und zu laut” zu singen.

Hieraus könnte man nun ableiten, dass ich es verabscheue oder verteufele, mal so richtig abzuröhren, was aber mitnichten der Fall ist, wie ich ja auch in der Intro-Melodie “The songs that I sing” meines Podcasts demonstriere. Ich liebe fette, laute, hohe Töne, ABER: Wenn man es hier übertreibt, kommt man schnell in die Situation des gefürchteten “Scheunentor-Vibratos”, das viele alternde Sänger – nicht nur Wagner-Sänger heimsucht!

Zu viel Geröhre, zu wenig Piano?

Es gibt einige Sänger, die recht passabel und mit beeindruckendem Sound mezzoforte bis forte singen können, die aber kein Piano haben. Dieses Manko zwingt sie, entweder gar nicht, ungesund leise oder eben laut singen zu müssen.

Das Problem: Zu viel Geröhre, zu wenig Piano! Zur Gesunderhaltung der Stimme ist es unbedingt nötig, überwiegend im Piano und überwiegend in der tieferen Mittellage – dem Zuhause der Stimme – zu singen. Wer dieses Gesetz ignoriert, fällt früher oder später der Quintenschaukel zum Opfer.

Zu viel Piano, zu wenig Geröhre?

Wer umgekehrt niemals die Gesäßbacken zusammenkneift, verfällt dem hohen Knödel, der Verluftung, der verfällt in die “sacklose Truthahntechnik”!

Nun wird es aber Zeit, diesen Begriff der”sacklosen Truthahntechnik” zu erklären. Ich hatte einen Kollegen, der nicht nur eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Truthahn hatte, sondern auch so ähnlich klang: Er machte immer irgendwelche Koloratur-Übungen, die ja an sich nichts schlechtes sind, in diesem Fall aber mit hoch gestellter Kehle und unangenehm kraftlosem, tremolierendem Klang, der an das Gurren eines Truthahns erinnerte, einherging.

Dieser Kollege rümpfte immer die Nase, wenn ein anderer Sänger mal ein gesundes Forte sang. Aus der eingeschränkten Perspektive seiner “Truthahn-Schule” war dies eben nur kulturloses Gebrülle, während er sich selbst auf dem völlig richtigen Weg sah.

Zu wenig Eier?

Es aber gibt auch Sänger, die wunderschön im Piano singen können – ganz ohne Truthahn-Effekt, aber es irgendwie nicht schaffen, mal richtig aufzudrehen. Das ist oft dann der Fall, wenn der Kehlkopf mit zunehmender Tonhöhe nach oben wandert, anstatt nach unten.

Ich habe mir sagen lassen, dass es in Frankfurt einen bekannten Gesangs-Professor gab, der seinen Schülern riet, “wie ein Stier mit 8 Eiern” zu singen! Eine wunderschöne Metapher, wie ich finde – aber wie gesagt: Massvoll einsetzen, sonst droht die Quinten-Schaukel!

Halt, Stop! Schon wieder droht ein Missverständnis!

Heißt das nun, dass man laute, hohe Töne nur mit Kraft singen kann? Nein, im Gegenteil! Die fettesten, lautesten Töne entstehen aus einer tiefen Lockerheit heraus, dem Inalare la voce! Aber die körperliche Grundhaltung dazu ist trotzdem kraftvoll und nicht lasch.

Und diese kraftvolle Grundhaltung bedarf einer hohen mentalen und körperlichen Spannung, die nicht immer ohne weiteres aufzubringen ist.

Und bis einem das gelingt, falls überhaupt jemals, muss man eben erst mal ein paar Jahre ab und zu den besagten Stier zitieren.

Fazit

Es hängt vor allem vom persönlichen Geschmack ab, ob man sich ausschließlich dem Schön-Gesang (mit oder ohne Truthahn-Effekt) widmen möchte oder ob man eher die harte Tour braucht.

Ich persönlich bleibe bei meiner Empfehlung: Beides, aber vor allem das erst genannte! Denn das Zuhause der Stimme wird immer und bei jedem Sänger die untere Mittellage und das Piano sein. Und in dieses Zuhause sollten wir immer wieder zurück kehren – sonst müssen wir irgendwann unter der Brücke schlafen!